Interview mit Dr. rer. nat. Rabea Wagener

Projektwissenschaftlerin des Christoph-Schubert-Forschungsprogrammes schließt Promotionsarbeit mit Auszeichnung ab

Die Kinder-Krebs-Initiative Buchholz/Holm-Seppensen (KKI) wurde im Jahre 1992 gegründet, um krebskranken Kindern und ihren Familien zu helfen. Dieses ambitionierte Vereinsziel wird seither auf verschiedener Art und Weise erfüllt. An erster Stelle wird seit vielen Jahren die Grundlagenforschung an der Universitätsklinik der Christian-Albrecht-Universität zu Kiel unterstützt. Diese Unterstützung erfolgt vorwiegend über die Einrichtung und Unterhaltung eines Forschungslabors sowie die Kostenübernahme für medizinische Laborgeräte. Als einen weiteren und neuen Weg, das Übel an der Wurzel zu packen, wurde im Jahr 2011 das KKI-Christoph-Schubert-Forschungsprogramm ins Leben gerufen. Nach dem Gründungsmitglied und langjährigen Vorsitzenden PD Dr. Dr. Christoph Schubert benannt, der Ende September 2009 an Krebs verstarb, soll das Programm die Mittel bereitstellen, um ausgewählte Forschungsfragen zur Bekämpfung von Krebs bei Kindern langfristig zu bearbeiten und so die Grundlagen für neue und bessere Therapien zu legen. Im konkreten Krankheitsfall unterstützt die KKI außerdem auch Familien mit an Krebs erkrankten Kindern z. B. durch die Übernahme von Therapiekosten schnell und bedarfsgerecht. Nach fast vier Jahren wissenschaftlicher Forschung in diesem Programm konnte jetzt die erste Projektwissenschaftlerin ihre Doktorarbeit präsentieren: Frau Dr. Rabea Wagener hat mit der Bestnote „summa cum laude“ abgeschlossen, die nur für wirklich herausragende Forschung verliehen wird. In ihrer Doktorarbeit hat sich Frau Dr. Wagener mit molekulargenetischen Aspekten bei der Signalübertragung beim Burkitt-Lymphom befasst, einer aggressiven Form von Blutkrebs, die zu den häufigsten Tumoren bei Kindern gehört.

 

Die erfolgreiche Projektwissenschaftlerin Dr. Rabea Wagener mit ihrem Doktorvater Professor Dr. Reiner Siebert (rechts) und dem Vertreter der KKI (Dr. Andreas Dänhardt), welche die Forschungen über das KKI-Christoph-Schubert-Forschungsprogramm unterstützt hat.

 

KKI: Liebe Frau Dr. Wagener, zunächst einmal gratuliert die KKI ganz herzlich zur bestandenen Doktorprüfung. Wie sind Sie als Projektwissenschaftlerin zum KKI-Christoph Schubert-Forschungsprogramm gekommen?

Dr. Rabea Wagener (RW): Vielen Dank für die Glückwünsche. Ich bin nun schon seit mehreren Jahren mit dem Institut für Humangenetik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der Arbeitsgruppe von Herrn Prof. Siebert verbunden. Ich hatte nach meinem Abitur und während meines Studiums die Möglichkeit, am Kieler Institut Praktika in der Lymphomforschung zu absolvieren. Die Arbeit und das Thema hatten mir so sehr gefallen, dass ich hier meine Doktorarbeit machen wollte. Zeitgleich rief die KKI das Christoph-Schubert-Forschungsprogramm ins Leben, für welches mich Herr Prof. Siebert als wissenschaftliche Projektmitarbeiterin vorgeschlagen hat. So konnte ich im Oktober 2011 mit der Arbeit im Christoph-Schubert-Forschungsprogramm beginnen.

KKI: Was war Ihr Thema und warum war es wichtig genug, ihm eine wissenschaftliche Arbeit zu widmen?

RW: Ich habe mich mit kindlichen Tumoren der Lymphdrüsen, den sogenannten Lymphomen, beschäftigt, einer Art von Blutkrebs. Hierbei habe ich mich vor allem mit dem sogenannten Burkitt Lymphom befasst. Das Ziel meiner Arbeit war Tumorgene und Mechanismen zu identifizieren, die bei der Entstehung dieser Lymphome eine Rolle spielen. Dies ist die Voraussetzung, um den Tumor besser zu verstehen und letztlich zuverlässig diagnostizieren zu können. Außerdem erhoffen wir uns, auf diese Weise neue Angriffspunkte für eine Therapie dieser Tumore zu identifizieren. Das ist wichtig, denn obwohl die Heilungsraten mit den bisherigen Therapien sehr gut sind, sind zugleich langfristige Nebenwirkungen durch die Therapie bei den Kindern leider nicht selten. Daher ist das Ziel, eine spezifische, gezielte und möglichst nebenwirkungsarme Therapie zu entwickeln. Dies ist wiederum nur möglich, wenn wir die grundlegenden Mechanismen des Tumors verstehen.

KKI: Was waren Ihre wichtigsten Ergebnisse?

RW: Ich konnte Veränderungen in Genen, wie z. B. im ID3 oder SMARCA4 Gen, identifizieren, die in Burkitt Lymphomen auftreten. Durch diese Veränderungen kommt es zu einem Verlust der Kontrolle verschiedener Regulationsmechanismen der Zellen, die zur Entstehung des Tumors beitragen. Außerdem konnten wir hier am Institut die Existenz einer Variante des Burkitt Lymphoms identifizieren, welches wir als MYC-negatives Burkitt-ähnliches Lymphom bezeichnet haben. Dieses trägt eine spezifische Veränderung auf Ebene der Erbinformation, wodurch wir es klar von anderen Lymphomen unterscheiden können. Dieses Wissen kommt uns nun bei der Diagnostik zugute. So konnten wir weitere solcher MYC-negativen Burkitt-ähnlichen Lymphome identifizieren. Außerdem habe ich während meiner Forschungsarbeit durch die umfassende Charakterisierung dieses Lymphoms einen potentiellen Signalweg identifiziert, der zur Entstehung dieses Lymphoms beitragen könnte.

KKI: Welche Publikationen sind während Ihrer Forschungsarbeiten entstanden?

RW: Wissenschaftliche Publikationen sind ein wichtiger Bestandteil der wissenschaftlichen Arbeit, durch die wir unsere Forschungsergebnisse der internationalen Forschungsgemeinschaft zugänglich machen. Auf diese Weise tauschen wir Wissenschaftler uns aus und lernen von anderen. So wurden z. B. Teile meiner Forschungsarbeiten in einer Publikation bei der Zeitschrift Nature Genetics veröffentlicht. Darin haben wir beschrieben, dass kindliche Burkitt Lymphome häufig genetische Veränderungen, sogenannte Mutationen, im Tumorgen ID3 haben, welche zu einer Inaktivierung des von ihm hergestellten Eiweißstoffes führen und somit zur Entstehung des Tumors beitragen (Richter, […], Wagener et al., 2012, Nature Genetics). Außerdem haben wir einen Artikel veröffentlicht, in dem wir Mutationen im PCBP1 Gen beschreiben, die häufig bei Burkitt Lymphomen auftreten (Wagener et al. 2015, Genes, Chromosomes and Cancer). Neben den Untersuchungen, welche Veränderungen zur Entstehung des Tumors führen, habe ich mich mit der Frage des Ursprungs der Burkitt Lymphome beschäftigt (Wagener et al., 2015, Blood Cancer Journal). In einer weiteren Publikation haben wir die Existenz einer Burkitt Lymphom Variante beschrieben, die durch eine typisches Veränderungen auf Ebene der Erbinformation gekennzeichnet ist (Salaverria, Martin-Guerrero, Wagener et al. 2013, Blood).

KKI: Warum sind Publikationen so wichtig?

RW: Wie bereits erwähnt, teilt man mit Hilfe der Publikationen seine Forschungsergebnisse weltweit anderen Wissenschaftlern und Ärzten mit. So können nun z. B. Ärzte und Wissenschaftler aus Südamerika, Australien oder Afrika in unserer Publikation nachlesen, dass ein Burkitt Lymphom, welches keine für sie typische MYC-Translokation aufweist, jedoch eine spezifische Veränderung auf Ebene der Erbinformation haben könnte, welche typisch für das von uns beschriebene MYC-negative Burkitt-ähnliche Lymphom ist. Dieses Wissen können diese Ärzte bei der Diagnostik berücksichtigen und somit auch die Diagnose MYC-negativen Burkitt-ähnlichen Lymphomen stellen. Außerdem bekommen wir Untersuchungsmaterial von Kindern mit Lymphomen aus den USA zugeschickt, bei denen sich die dortigen Ärzte ihrer Diagnose nicht ganz sicher sind. Doch durch die Publikationen wissen sie, dass wir die Expertise haben und Ihnen bei der Diagnose behilflich sein können.

KKI: Wie könnten Ihre Forschungsergebnisse krebskranken Kindern zugutekommen?

RW: Meine Forschungsergebnisse kommen den krebskranken Kindern auf zwei Arten zu Gute. Zum einen helfen meine Ergebnisse bei der Diagnostik dieser Tumorarten, was wichtig für eine zielgerichtete und dadurch nebenwirkungsarme Therapie ist. Zum anderen trägt die Grundlagenforschung zu einem besseren Verständnis des Tumors bei, wodurch sich neue und eventuell auch bessere Therapieansätze entwickeln lassen. So konnten wir z. B. bei den Burkitt Lymphomen durch Untersuchungen auf Ebene des genetischen Codes (DNA) Veränderungen identifizieren, die zum unkontrollierten Wachstum der Tumorzellen beitragen. In Versuchen an Tumorzellen im Reagenzglas konnten wir und andere Arbeitsgruppen zeigen, dass man mit einer Substanz dieses unkontrollierte Wachstum der Zellen stoppen kann und, viel besser noch, diese Tumorzellen sogar tötet. Diese Substanz, Buparlisib, wird bereits in verschiedenen klinischen Studien zur Therapie bei diversen Tumoren getestet und könnte daher auch in Zukunft ein mögliches Therapeutikum bei der Behandlung von Burkitt Lymphomen bei Kindern sein.

KKI: Was wären die nächsten Schritte hin zur Anwendung?

RW: Leider ist der Weg bis zur Anwendung am Patienten immer lang. Das liegt daran, dass zunächst die Wirksamkeit der Substanz in weiteren Versuchen im Reagenzglas, sowie später an ausgewählten Patienten in sogenannten klinischen Studien getestet werden muss. Damit wird sichergestellt, dass durch die Therapie mit der neuen Substanz dem Patienten kein Schaden durch Nebenwirkungen zugefügt wird. Erst wenn die Wirksamkeit und die Sicherheit für den Patienten sichergestellt wurden, wird die Substanz als Therapeutikum in der Klinik eingesetzt.

KKI: Wie sah Ihr Arbeitsalltag aus?

RW: Mein Arbeitstag im Institut fing um kurz nach 8 Uhr an und endete zwischen 18-19 Uhr. Den Tag über führte ich im Labor die von mir geplanten Versuche durch. Spätnachmittags wertete ich diese dann meist aus und plante die Versuche für den folgenden Tag. Oft dauerten Versuche auch mehrere Tage, so dass ich zeitgleich an verschiedenen Fragestellungen arbeiten konnte. Ein weiterer wichtiger Punkt war das „up-to-date“ halten durch Lesen der aktuellen Publikationen aus der ganzen Welt.

KKI: Hatten Sie während Ihrer Projektarbeit Zweifel, „Durststrecken“, Tiefschläge o. ä. und, wenn ja, wie sind Sie damit umgegangen?

RW: Der Einstieg in die Projektarbeit war anstrengend, da ich frisch von der Uni an eine neue Arbeitsstelle und auch in eine neue Stadt kam. Natürlich hatte ich auch mal Durststrecken, wenn die Versuche mal nicht so funktioniert haben, wie ich es mir vorher überlegt hatte. Aber in den letzten Jahren habe ich gelernt, dass das zum Alltag eines Wissenschaftlers dazu gehört und wie man sich trotzdem immer wieder motiviert und weitermacht. Wichtig ist, dass der Spaß an der Arbeit immer den „Frust“ überwiegt. Und das war bei mir immer der Fall.

KKI: Was war gut, was könnte die KKI besser machen?

RW: Ich fand es toll, einen direkten Bezug zu den Mitgliedern der KKI zu haben. Das hat mich auch immer wieder angespornt, gute Arbeit zu leisten, da ich wusste, was für eine gute Arbeit die KKI leistet. Es ist toll, was dieser doch recht kleine Verein leistet, um die krebskranken Kinder zu unterstützen. Das beinhaltet nicht nur das ehrenamtliche Sammeln von Spendengeldern, sondern auch die direkte Unterstützung von Familien krebskranker Kinder. Was könnte die KKI also noch besser machen?

KKI: Wie könnten Sie sich Ihre weitere Karriere vorstellen? Würden Sie weiterhin in der Kinderkrebsforschung tätig sein wollen?

RW: Ich arbeite sehr gerne in der Forschung. Ich finde es spannend und abwechslungsreich, mir Fragestellungen zu erarbeiten und mit Hilfe von Versuchen diese zu klären. Der Kinderkrebsforschung werde ich treu bleiben. Viele meiner Projekte sind noch nicht abgeschlossen und aus anderen haben sich neue Fragestellungen ergeben, die ich auch in Zukunft weiter bearbeiten möchte.

Frau Dr. Wagener, ich bedanke mich für das Gespräch und vor allem dafür, dass Sie die erste Förderung durch das KKI-Christoph-Schubert-Froschungprogramm mit Ihrer hervorragenden Leistung so gut genutzt haben. Im Namen der KKI wünsche ich Ihnen für Ihre berufliche und private Zukunft alles Gute.

Für weitere Informationen, hier der Link zur Doktorarbeit.